Macromedia Akademie

„Digitale Animation - das ist wie mit Fingern auf beschlagenen Fensterscheiben malen. Man will Spuren hinterlassen.“

Am 8. April startet an der Macromedia Akademie in München der erste Abendkurs: „Digital Painting und Animation“ mit Trainer Bernhard von Godin. Herr von Godin unterrichtet bereits die dritte Generation Spieleentwickler an der Akademie zu ähnlichen Themen. Der studierte Grafiker und erfahrene Dozent hat in den 80er Jahren für und mit niemand Geringeren gearbeitet als Bernhard-Viktor Christoph Carl von Bülow alias Loriot. Höchste Zeit also, einmal mit dem Zeichner und Animator der berühmten Loriot-Figuren zu sprechen.
 

Herr von Godin, jeder kennt den Humoristen und Künstler Loriot, seine Sketche und Comics. Jeder kennt die Figuren von Wum und Wendelin und die Herren mit der Knubbelnase. (Zumindest bis zu meiner Generation!) Hinter diesen Zeichnungen stecken kreative Köpfe wie Sie. Wer ist Bernhard von Godin? Ein paar Worte zu Ihrer Person?
Ohje, Wer ich bin? - Die Frage ist ja so alt wie die Menschheit und nun soll ausgerechnet ich sie beantworten?  - Also gut. Ich bin Trickfilmzeichner. Ich habe auf der Filmhochschule in München studiert und wollte immer reich und berühmt werden…aber dieses Ziel verlor mit den Jahren seine Attraktivität.

Nun ja, sagen wir so: Sie haben auf jeden Fall Ihren Teil dazu beigetragen, Loriot und seine Figuren berühmt zu machen. Ist nicht bis heute eine typische Reaktion: „Wow, Sie haben mit Vicco von Bülow gearbeitet! Und, wie war das?“
Ja, die Reaktion ist ganz normal. (lacht.)

Und schon fühlt es sich ein bisschen nach „berühmt“ an, oder?
Im Ernst, die Leute sind meist voller Bewunderung für Loriot und das war und bin ich auch. Er war wunderbar. Pedantisch, unnachgiebig, manchmal rechthaberisch, aber großartig… Ich habe ihn sehr gemocht. Ich vermeide allerdings, die Bewunderung, die die Leute für Loriot hegen, auf mich zu beziehen, nur weil ich für ihn gearbeitet habe. In dieses Fahrwasser möchte ich nicht.

Wie war Ihre Zusammenarbeit mit Vicco von Bülow?
Hm, unterschiedlich! Loriot konnte anstrengend sein und war immer für eine Überraschung gut. Er war ja nicht nur mein Chef, sondern auch einiges älter und erfahrener. Von ihm konnte man den entscheidenden Kick in eine Richtung bekommen, in die man freiwillig nicht gedacht oder gar gearbeitet hätte. Ich habe gerne seine Anweisungen beherzigt, so gut ich konnte, denn eins muss man ihm lassen: Er hatte wirklich Ahnung von Animation, von Menschen -  von Hunden übrigens auch.  (lacht.)

Und sofort muss man an Hunde denken, die „ihre“ Menschen an der Leine durch den Park führen…Die Zeichnungen hatten nicht nur einen komischen Effekt, sie hatten auch eine Botschaft, einen sehr feinen satirischen Witz, wenn man das so sagen kann? Wie entstehen solche Zeichnungen?
Herr von Bülow hat gerne analysiert und Dinge hinterfragt, Details, die andere Leute längst abgehakt hätten. Sprich: Er hat gerne auf Dingen „herumgekaut“ und wollte es ganz genau wissen. Und so hat er vermutlich auch viele seiner Pointen entwickelt. 

Eine erfolgreiche Mischung aus Korrektheit und Ideenreichtum, oder?
Wie die meisten sicherlich wissen: Herr von Bülow kam aus einer preußischen Offiziersfamilie mit langer Tradition und war 100%ige Geradlinigkeit gewohnt. Er hatte eine erstaunliche Selbstdisziplin, wie sie bei uns Filmhochschülern der 68er Generation nun mal überhaupt nicht mehr anzutreffen war.

Ich stelle mir das so vor: zwei unterschiedliche Typen, zwei Generationen, zwei Arbeitsweisen – da war reichlich Potenzial für Zündstoff, oder? In einem unserer Vorgespräche hatten Sie eine nette, wenn auch denkwürdige Anekdote erzählt. Ich denke, sie zeichnet ein gutes Bild über Ihre explosive, aber dennoch sehr freundschaftliche und produktive Zusammenarbeit. Wollen Sie diese unseren Lesern auch kurz schildern?
Ihr meint die Geschichte mit meiner Hochzeitsreise? – Okay - Als ich 1992 heiratete, zeichnete und animierte ich gerade für eine Agentur einen Werbespot für die fünfstelligen Postleitzahlen. Loriot hatte seine Figur und Textideen für den Spot eingebracht. Es war ein kleiner Film mit nur einer Figur, mit wenig Bewegung, ein paar Kopfdrehungen, das war’s. Gut. Der Film war rechtzeitig fertig, einige Wochen vor meinem Hochzeitstermin, die Agentur war begeistert. Eine Demo VHS-Cassette lag auch bei Loriot auf dem Schreibtisch mit einem Lobes- und Dankesschreiben der Agentur. Die Hochzeit folgte, und ein kurzer Urlaub in den Alpen, außerdem war Weihnachten und sowieso nichts los. Am 27. oder 28. Dezember bekam ich in meinem Hotel, wo ich mit meiner frisch verheirateten Frau weilte, ein Telegramm. Von Loriot. Ich müsse sofort kommen. Der Film sei voller Fehler.

Man kann sich schönere Weihnachts-Flitter-Wochen vorstellen, oder?
Was sollte ich tun? Ich fuhr zurück nach Ammerland  am Starnberger See, um nachzusehen, was denn passiert sein sollte. Entsetzt verkündete mir Herr von Bülow, die Animation sei völlig durcheinander geraten. - Was denn nicht stimme? - Die Haare! -

Die Haare??
Hm…, man muss wissen, wenn man einen Kopf dreht, mit Haaren, wandern in der Animation die vorderen Haare in die eine Richtung, während sich die hinteren in die entgegengesetzte Richtung drehen. Tatsächlich hatte ich nun ein paar Härchen in die falsche Richtung wandern lassen. Okay -  ich konnte den Fehler noch am selben Abend korrigieren, die betreffenden Stellen am Tricktisch neu aufnehmen, ins Kopierwerk bringen und am zweiten Januar war alles behoben. Auch wenn die Agentur den Unterschied zwischen alter und neuer Fassung nicht erkennen konnte, Loriot schon und er war überglücklich. Nicht nur, weil der Film für ihn nun in Ordnung  war, sondern auch, weil ich seine Lektion in Sachen Qualitätsmanagement begriffen hatte.
Er sagte zu mir: „Sehen Sie, auch wenn es jetzt doch etwas Umstand und Mühen gemacht hat, und bitte einen lieben Gruß an Ihre Frau, aber Sie sehen doch, dass es sich rentiert hat, oder? Wenn das Detail nicht stimmt, funktioniert der ganze Film nicht.“
So war er.  Und er hatte Recht.

Sie haben im Anschluss an Ihre Zusammenarbeit das Trickfilmstudio am Starnberger See gemeinsam mit zwei Kollegen weitergeführt. Ein typischer Arbeitstag sah wie aus?
Wir hatten stundenlange, was sage ich, tagelange Gespräche wegen des nächsten Themas. Wir lebten ja von der Hand im Mund. Jeden Monat mussten wir zwei Spots abliefern und hatten meist oft bis zur allerletzten Minute keine Idee. Und dann wird gebrainstormt und manchmal auch gezankt. Ansonsten war jeder auf seinem Platz und hat gearbeitet – wie in jedem anderen Betrieb auch.
Ok, wir machten auch oft lange Kaffeepausen oder aßen manchmal mehrstündig zu Mittag, was sonst vielleicht nicht überall so möglich ist. Doch ich saß nicht selten auch bis spät nachts um zwei oder drei an meinen Phasen. Nachts schafft man mehr, weil einen niemand stört. Dachte ich damals. Heute nenne ich es Trugschluss.

Sie können auf viele Jahre Erfahrung im Bereich Zeichnen, Zeichentrick, Animation zurückblicken. Sie haben die technische Entwicklung vom Bleistift zum digitalen Zeichenbrett erlebt – was denken Sie darüber?
Ja, die Entwicklung der digitalen Zeichenbretter, Wacom, und auch die der Bildbearbeitung, speziell von Photoshop, war und ist schon umwälzend. Übrigens auch die von 3D.  Eine kleine Animation, für die man in den 1980ern noch auf Folien zeichnen, kolorieren und aufnehmen musste, und an der drei Leute drei Wochen arbeiteten, kann heute eine Person in wenigen Tagen schaffen. Inklusive aller Linetests und Proben. Man braucht auch keinen Tricktisch mehr, muss nicht mehr ins Kopierwerk fahren... Also technisch ist alles wesentlich einfacher geworden. Die Möglichkeiten von „Apfel- oder Steuerung-Z“-Befehlen oder einfach nur „Ebene duplizieren“ -  das gab es damals ja noch nicht.
Das Zeichnen selber jedoch, das Scribblen, das Prinzip von „Timing“ und „Spacing“, die Bilddramaturgie, das ist alles nach wie vor dasselbe. Das gilt übrigens auch für 3D-Filme. Die sind erst dann wirklich gut geworden, nachdem Disney-Zeichner John Lasseter bei Pixar die Disney Animationsrichtlinien eingeführt hatte. Er wurde übrigens von Steve Jobs persönlich bei Pixar engagiert.

Disney Animationsrichtlinien müssen Sie uns näher erläutern…
John Lasseter hat das traditionelle Wissen der 2D-Animation in die neue Technik hineingetragen. Heute werden diese Grundlagen in den meisten 3D-Schulen vermittelt, bevor die Leute mit Maya an  Bones und Splines herangelassen werden… Ja, das Potential der 3D-Technik ist umwerfend, finde ich. Wie auch das von Stop-Motion. Besonders auch das, was in Bristol (Aaardman) gemacht wird.

Wo liegt der Reiz, nun mit einem Stift auf einem Bildschirm „herumzufahren“?
Es ist das gleiche Lustprinzip, wie das, auf Papier herumzukritzeln. Mit Bleistift oder Kohle. Oder mit dem Finger auf beschlagenen Fensterscheiben. Wie das Verlangen mancher jugendlicher „Helden“, mit der Spraydose einer kahlen Betonwand ein Gesicht zu verleihen. Man will Spuren hinterlassen. Und wenn dann auch noch Figuren, Zeichen oder Bilder entstehen - was gibt es Schöneres! Da haben auch schon die Menschen prähistorischer Urzeiten keine Kosten und Mühen gescheut, wie zum Beispiel die Nasca-Indianer in Peru, die ihre monumentalen Zeichnungen für die Götter im Weltall gefertigt haben…Spuren über Hunderte von Kilometern.
Heute zeichnen wir vielleicht für keine raumfahrenden Götter mehr, sondern für Zielgruppen. Bei genauerer Betrachtung vielleicht nicht weniger, naja, nennen wir es „magisch“.
Der Reiz beim digitalen Malen und Animieren besteht darin, eine Illusion von Leben zu erzeugen. Und damit kommt man dem realen Leben, in sich selbst oder da draußen, ein kleines Stückchen näher – denke ich…

Eine sehr philosophische oder weise Betrachtung Ihrer Arbeit, das gefällt mir. Und das wird den Teilnehmern Ihres neuen Kurses sicher auch gefallen, wenn ihre Arbeit einen tieferen Sinn ergibt. Was wird die Zeichner in technischer Hinsicht erwarten?
Der Abendkurs wird zweigleisig sein. Zum einen das Zeichnen und Malen mit Wacom-Stift, Photoshop und Flash. Da man ja am Computer in additiver Farbmischung malt, also quasi mit Licht, außerdem photographische Vorlagen hat und Verrechnungsebenen etc., gibt es da märchenhafte Möglichkeiten, Illusionen zu erzeugen. Das andere Gleis ist die figürliche Animation. Die Teilnehmer werden - je nach Schwierigkeitslevel -  lernen, Figuren laufen, gehen und synchron sprechen zu lassen. Vor allem sollen die Figuren so reagieren, dass sie lebendig werden. Die „Lebendigkeit“ – das wird der Schwerpunkt von jedem Modul sein. Und das Wichtigste ist die Illusion von Leben – aber ich glaube, das habe ich schon gesagt. 

Für wen sind die Abendkurse gedacht, bzw. welche Zielgruppe wird sich besonders darauf freuen?
Für alle, die Freude an Lebendigkeit haben. An ihrer eigenen und an der anderer! Ich bin sehr gespannt auf die Vorstellungen, Projekte oder Wünsche der Teilnehmer. Jeder soll an dem arbeiten können, was ihn besonders interessiert. Ob es ein Kinderbuch ist, Raumschlachten mit Robotern, oder dystopische Industrielandschaften - jeder Teilnehmer soll „sein Ding“ weiter entwickeln können.

Welche Themen liegen Ihnen besonders am Herzen? Und warum?
Hm…Das Thema „Anticipation“. Eines der Disney-Prinzipien. Das heißt, jede Bewegung, jede Reaktion braucht eine innere Vorbereitung. Erst ein Zusammenziehen der Augenbrauen, zum Beispiel, dann erst kommt die eigentliche Reaktion. Man sieht, wie Trickfiguren denken, man kann ihnen zuschauen, wie in ihrem Inneren etwas vorgeht. Ihr Wesen wird intelligibel. Das ist es. Und das will ich vermitteln. Zum großen Teil ist das natürlich eine Technik des Drehbuchs - aber auch eine der Animation. Wallace & Gromit machen uns das manchmal ja schon meisterhaft vor. Das liegt mir besonders am Herzen.

Wollen Sie noch etwas Ergänzendes sagen?
Ja -  jeder der Interesse oder Freude am Trickfilm, am Malen oder Animieren am Computer hat, soll sich anmelden – das ist es!

Wir bedanken uns für das sehr ausführliche und persönliche Interview, Herr von Godin.

Alle Infos zum Kurs "Digital Painting und Animation" ab April 2013 gibt es hier.

Julia Schulze, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit.